Hugenotten in Strasburg

Das Huge­not­ten­kreuz ist ein spe­zi­ell gestal­te­tes Kreuz, das frü­her unter den fran­zö­si­schen Pro­tes­tan­ten, den soge­nann­ten Huge­not­ten, ver­brei­tet war.

Vorwort

Der vor­lie­gende geschicht­li­che Abriss zum Ein­fluss der Huge­not­ten auf die Ent­wick­lung der Stadt Stras­burg (Um.) wurde im Rah­men einer ABM der Pro­jekt­gruppe der Pome­ra­nia e.V. in Zusam­men­ar­beit mit dem Hei­mat­mu­seum der Stadt Stras­burg (Um.) erar­bei­tet. Durch die Unter­stüt­zung des Deut­schen Huge­not­ten­mu­se­ums Bad Karls­ha­fen, Archive und Biblio­the­ken, vor allem aber auch Stras­bur­ger oder ehe­ma­lige Stras­bur­ger, die Nach­fah­ren von Huge­not­ten sind, konnte die Aus­stel­lung im Museum gelin­gen.

Die Aus­stel­lung trägt dem gro­ßen Ein­fluss der Huge­not­ten auf die Ent­wick­lung der Stadt Stras­burg (Um.) Rech­nung. Sie ver­mit­telt einen Über­blick

  • zur Ver­fol­gung und der Flucht der Huge­not­ten aus Frank­reich und zur Ansied­lung in der Ucker­mark
  • zur Ent­ste­hung und Geschichte der Huge­not­ten­ko­lo­nie sowie der fran­zö­sisch- refor­mier­ten Kir­che
  • zu den Aus­wir­kun­gen der Ansied­lung der Huge­not­ten auf das wirt­schaft­li­che und geis­tig- kul­tu­relle Leben der Stadt.

Fak­ten, Text- und Bild­ma­te­rial, bereit­ge­stellt von Nach­fah­ren Stras­bur­ger Huge­not­ten, doku­men­tie­ren den Zusam­men­hang von Fami­li­en­tra­di­tio­nen mit der Geschichte der Stadt Stras­burg. Zugleich wird der Bogen zu heute noch leben­den Nach­fah­ren der huge­not­ti­schen Ein­wan­de­rer gespannt. Damit wird eine leben­dige und inter­es­sante Dar­stel­lung erreicht, die die Iden­ti­tät der Betrach­ter för­dert.

In Stras­burg, einst in Bran­den­burg gele­gen, gab es zur Zeit der huge­not­ti­schen Ein­wan­de­rung die sie­bent­größte Huge­not­ten­ko­lo­nie die­ses Lan­des. Heute gehört Stras­burg zu Meck­len­burg-Vor­pom­mern, trägt aber, begrün­det durch die his­to­ri­sche Ent­wick­lung, den Zusatz „Ucker­mark“. Das erfolg­rei­che Zusam­men­le­ben von zwei in Spra­che und Kul­tur ver­schie­de­nen Völ­kern in Tole­ranz und gegen­sei­ti­ger Ach­tung, in der Expo­si­tion über­zeu­gend dar­ge­stellt, ist auch heute noch ein hoch­ak­tu­el­les Thema.

Die Aus­stel­lung wird auf sieb­zehn Tafeln (90x70 cm) und in drei Vitri­nen auf 35 Qua­drat­me­tern im Museum prä­sen­tiert. Das gesamte Werk „Der Ein­fluss der Huge­not­ten auf die Stadt­ent­wick­lung Stras­burgs“ ist im Museum der Stadt Stras­burg (Um.) ein­zu­se­hen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Die Ent­ste­hung der Huge­not­ten­ko­lo­nie Stras­burg
  2. Die fran­zö­sisch-refor­mierte Kir­che
  3. Rechts­spre­chung und Gerichts­bar­keit der Kolo­nie
  4. Die Ankom­men­den: Bau­ern, Tabak­pflan­zer und Hand­wer­ker

Zeittafel zur Geschichte und zur Entwicklung der Stadt Strasburg bis 1691

Um 1250 erhält Stras­burg das Stadt­recht. Die Stadt ent­stand aus der Flieh­burg der Dör­fer Jüte­ritz, Fal­ken­berg und Alt­städt.

1267 

älteste urkund­li­che Erwäh­nung von Stras­burg in einer Bestä­ti­gungs­ur­kunde
von Her­zog Bar­nim von Pom­mern

bis 1323

steht Stras­burg unter Meck­len­bur­ger Hoheit

 

Lands­knechte der Her­zöge von Meck­len­burg, Pom­mern und Bran­den­burg bedro­hen und ver­wüs­ten die Stadt durch Raub­züge

1323/73

Herr­schaft der Wit­tels­ba­cher

  1348

Der fal­sche Mark­graf Wal­de­mar zieht durch das Jüte­rit­zer Tor in die Stadt ein.

1373/1415

Herr­schaft der Luxem­bur­ger

1379   

Stras­burg tritt einem Städ­te­bünd­nis gegen Stra­ßen­raub bei

1419

Die Stras­bur­ger Bevöl­ke­rung schlägt die angrei­fen­den Her­zöge von Meck­len­burg und Pom­mern erfolg­reich in die Flucht. Burg­graf Fried­rich der I. erteilte der Stadt das Pri­vi­leg zur Bil­dung einer Schüt­zen­ver­brü­de­rung zum Selbst­schutz.

  1433

Die Stadt erhält als ein­zige Stadt das Recht auf den Fal­ken­berg­turm „Fin­ken­au­gen“ zu schla­gen.

1479

Mit dem Frie­den von Prenz­lau gehört Stras­burg end­gül­tig zu Bran­den­burg.

  1515

Neue Ord­nung für die Stadt erlas­sen. 3 Bür­ger­meis­ter und 9 Rat­man­nen regie­ren die Stadt.

vor 1538

Die Stadt befin­det sich im Lehn­be­sitz der Fami­lie von Arnim.

nach 1538

Hen­ning von Leb­bin wird auf Lebens­zeit erb­li­cher Stadt­rich­ter von Stras­burg.

 

Ent­wick­lung des Zunft­we­sens

1546

gro­ßer Stadt­brand

1599

Rat­haus­bau

1602

große Feu­er­brunst

1612

Wie­der­auf­bau des Rat­hau­ses nach Stadt­brand

1628,1639,
1642,1653

erneute Stadt­brände

1636

Plün­de­rung der Stadt durch die Schwe­den

 

Wäh­rend des 30- jäh­ri­gen Krie­ges mehr­ma­lige Feu­er­brünste, Zer­stö­run­gen 
und Ver­wüs­tun­gen.

1691

Ansied­lung von 55 Huge­not­ten­fa­mi­lien in Stras­burg. Es ent­steht eine  fran­zö­sisch- refor­mierte Gemeinde.

1. Die Entstehung der Hugenottenkolonie Strasburg

Die wich­tigste Grund­lage für die Ent­ste­hung der Huge­not­ten­ko­lo­nie in Stras­burg war das kur­fürst­li­che Pri­vi­leg vom 05. Januar 1691, wel­ches die Kauf­leute Pierre Le Eti­enne und Jac­ques Taver­nier beim Kur­fürst zu Cleve erwirk­ten. Inhalt des Pri­vi­le­gi­ums waren die Gewäh­rung einer zehn­jäh­ri­gen Steu­er­frei­heit, eine eigene Gerichts­bar­keit, die Gestat­tung einer Art von Gewer­be­frei­heit, der freie Ein­tritt in die Hand­wer­ker­gil­den, die Gewäh­rung von Zoll­frei­heit auf den in den nächs­ten 10 Jah­ren gewon­ne­nen Tabak sowie die Über­las­sung einer über 60 Hufen gro­ßen Acker­flä­che.

Das ent­schei­dende geschicht­li­che Ereig­nis für die Grün­dung der Stras­bur­ger Kolo­nie war zwei­fel­los der Pfäl­zi­sche Erb­fol­ge­krieg von 1688–1697, da der König Lud­wig XIV. nach dem Tod des Kur­fürs­ten Karl von der Pfalz im Mai 1685 Ansprü­che auf gewisse Teile der Pfalz als Erb­teil sei­ner Schwä­ge­rin Lise­lotte erhob, die 1671 den Bru­der von Lud­wig XIV., Her­zog Phil­ipp I. von Orleans, gehei­ra­tet hatte. Lud­wig XIV. konnte seine Ansprü­che jedoch nicht fried­lich durch­set­zen.

Die nach dem West­fä­li­schen Frie­den sich in der Pfalz ansie­deln­den fran­zö­si­schen Pro­tes­tan­ten wur­den aber­mals zur Flucht gezwun­gen, um den Kriegs­wir­ren zu ent­ge­hen, zumal der Krieg in einen Ver­wüs­tungs­feld­zug aus­ar­tete. So flo­hen sie von der Pfalz direkt nach Nord­hes­sen und spä­ter, als es für sie dort kein Aus­kom­men mehr gab, wan­der­ten einige in die Ucker­mark nach Stras­burg aus. Dadurch ent­stand diese Kolo­nie im Jahre 1692 rela­tiv spät.

Huge­not­ten haben einen viel­sei­ti­gen Ein­fluss auf die Wirt­schaft und das kul­tu­relle Leben Stras­burgs aus­ge­übt.

Als sie die Geneh­mi­gung zur Nie­der­las­sung erhal­ten hat­ten und ihnen die glei­chen Rechte und Frei­hei­ten wie ihren Glau­bens­brü­dern in Prenz­lau zuge­si­chert wur­den, waren sie bereit und ent­schlos­sen, Stras­burg als Sied­lungs­ort anzu­neh­men. So mach­ten sich die 55 Fami­lien sogleich auf den Weg nach Stras­burg in der Ucker­mark. Sie ver­lie­ßen die Pfalz, die ihnen als Zufluchts­land zu unsi­cher gewor­den war und nah­men eine lange und beschwer­li­che Reise auf sich. Die Huge­not­ten heg­ten aber die Hoff­nung, dass sich gute Freunde schon in der 1687 gegrün­de­ten Kolo­nie Prenz­lau nie­der­ge­las­sen hat­ten. Es bestand ein gro­ßer Man­gel an Arbeits­kräf­ten. 1680 waren in Stras­burg 50% freie Bür­ger­stel­len vor­han­den. Die Stras­bur­ger Huge­not­ten­ko­lo­nie ent­wi­ckelte sich zur 7.-größte Kolo­nie fran­zö­si­scher Pro­tes­tan­ten in Deutsch­land.

Eine genaue Angabe der Anzahl der 1691 ange­kom­me­nen Huge­not­ten kann nicht gemacht wer­den, da die Zah­len schwan­ken. Der Pre­di­ger Tar­nogro­cki spricht in einer auf­ge­stell­ten Liste der 1691 ein­ge­wan­der­ten Refu­gies von 244 Per­so­nen, wäh­rend in einer ande­ren Liste von 280 Per­so­nen die Rede ist. Beu­leke wie­derum spricht von 172 Mit­glie­dern der Huge­not­ten­ko­lo­nie zu Stras­burg. Auch über die Anzahl der ankom­men­den Fami­lien gibt es wider­sprüch­li­che Aus­sa­gen. Tar­nogro­cki geht von 68 Fami­lien aus, wäh­rend in der Stif­tungs­ur­kunde von 55 Fami­lien die Rede ist.

Vom Kur­fürs­ten erhiel­ten sie Grund und Boden und das Mate­rial zum Bau ihrer Häu­ser. Bei ihrer Ankunft beka­men die Huge­not­ten den Platz für 60 Häu­ser und Scheu­nen als Eigen­tum geschenkt. Für den Bau oder Wie­der­auf­bau eines Hau­ses erhielt jeder Bau­wil­lige auf ein Haus gerech­net 50 Taler. Da der größte Teil der Häu­ser zer­stört war, gin­gen sie bald daran, die Häu­ser zu bauen. Die Plätze für den Bau ihrer Häu­ser befan­den sich nach den Aus­sa­gen von Huge­not­ten­nach­fah­ren damals über­wie­gend in der heu­ti­gen Feld­straße. Die Häu­ser der Huge­not­ten wur­den als „Kleine Häu­ser“ bezeich­net, weil sie oft sehr klein und nied­rig und mit Rohr ein­ge­deckt waren. Heute ste­hen diese Häu­ser nicht mehr. Nach und nach, mit zuneh­men­den Wohl­stand, kauf­ten sich die Huge­not­ten auch in ande­ren Stra­ßen­zü­gen Häu­ser. Diese Häu­ser in der Pfarr­straße wer­den bis in die heu­tige Zeit als Kolo­nis­ten­häu­ser bezeich­net.

Der größte Teil der Stadt­hu­fen lag brach und wurde erst durch die Kolo­nis­ten wie­der bestellt. Die zuge­wie­se­nen 63 Hufen Land wur­den von den Huge­not­ten spä­ter als Eigen­tum erwor­ben. 1701 zahl­ten sie dafür 2000 Taler ein und die andere Hälfte (eben­falls 2000 Taler) zahlte sie 1704. Auch für Bau­holz und Aus­saat erhiel­ten sie Geld. Die­ses musste aller­dings nach Ablauf der 10 Frei­jahre zurück­er­stat­tet wer­den.
1691 lagen bei der Ankunft der Huge­not­ten 40 % der 168 Stel­len brach. Als die Huge­not­ten hier in Stras­burg anka­men, hatte die Stadt die Fol­gen des 30- jäh­ri­gen Krie­ges nur zum Teil über­wun­den und auch die Spu­ren der Kriegs­züge der Schwe­den waren noch deut­lich erkenn­bar. Die Pest hatte ihr übri­ges getan. Kei­ner Stadt in der Mark war es so schlimm ergan­gen, wie dem kleine Städt­chen Stras­burg.
Der fran­zö­si­sche Rich­ter für Stras­burg Dalen­con hatte für die in Stras­burg eta­blier­ten Wal­lo­nen 3100 Taler emp­fan­gen und zwar 1691 vom Kauf­mann Engel aus Ber­lin 1700 Taler, 1692 aus Halle 1000 Taler und vom Rat in Schmettau 400 Taler. Davon rech­nete er 1693 2931 Taler, 18gr, 10d, ab. (Rest­be­stand 168 Taler, 5gr und 2d)

Eine münd­li­che Über­lie­fe­rung besagt, dass die sich ansie­deln­den Fran­zo­sen bei ihrer Ankunft ein Haus vor­fan­den, von des­sen Herd ein Flie­der­strauch durch den Schorn­stein empor­ge­wach­sen war und seine blü­hen­den Zweige oben her­aus­streckte. Sie nah­men dies als Zei­chen für ihren Neu­an­fang.
Das Gros der Kolo­nis­ten traf im April, Mai und Juni in Stras­burg ein. 1698 wurde in der fran­zö­sisch-refor­mier­ten Kir­che zu Stras­burg ver­le­sen, dass Lud­wig XIV. nur noch Katho­li­ken in sei­nem Land dul­dete. Eine Rück­kehr nach Frank­reich (diese Hoff­nung bestand bis­her) war ohne Abwen­dung vom refor­mier­ten Glau­ben von da an nicht mehr mög­lich. Erst ab jetzt betrach­te­ten die Stras­bur­ger Huge­not­ten ihren bis­he­ri­gen Zufluchts­ort end­gül­tig als ihre neue Hei­mat.

Die Huge­not­ten­ko­lo­nie Stras­burg war ent­stan­den und konnte sich, aus­ge­stat­tet mit Pri­vi­le­gien, Frei­hei­ten, Mate­rial und Unter­stüt­zung, gut ent­wi­ckeln. Fran­zö­si­sche Emi­gran­ten mach­ten zur dama­li­gen Zeit ein Vier­tel der Gesamt­be­völ­ke­rung von Stras­burg aus. Dem Umstand der Ansied­lung der Huge­not­ten im Jahre 1691 hat Stras­burg sei­nen wirt­schaft­li­chen Auf­schwung zu ver­dan­ken, da die Stadt durch die vie­len Kriegs­ent­beh­run­gen und die Pest in ihrer Exis­tenz bedroht war.

2. Die französisch-reformierte Kirche

Der erste Got­tes­dienst der fran­zö­sisch-refor­mier­ten Gemeinde fand am 20. Mai 1691 im Rat­haus unter ihrem Pre­di­ger Jean Henri de Bau­dan statt. Den Kolo­nis­ten wurde das Gewölbe im öst­li­chen Teil des durch einen ver­hee­ren­den Brand von 1681 zer­stör­ten Rat­hau­ses zur Ver­rich­tung ihres Got­tes­diens­tes zur Ver­fü­gung gestellt.

Ursprüng­lich jedoch sollte den Huge­not­ten bei ihrer Ankunft die wüste Kapelle des St. Sabi­nen Hos­pi­tals in der Jüte­rit­zer Straße als Got­tes­dienst­raum aus­ge­baut wer­den. Obgleich dafür schon Geld auf­ge­bracht war, geriet die ganze Sache ins Sto­cken und wurde zer­schla­gen. Die Huge­not­ten setz­ten den öst­li­chen Teil des Rat­hau­ses für ihre Zwe­cke und zum Teil mit eige­nen Mit­teln wie­der instand. Vom König Fried­rich III. erhiel­ten sie für den Auf­bau ihrer Kir­che eine Unter­stüt­zung von 150 Talern.

Hier nun konn­ten sie ihre Reli­gion frei aus­üben, zumal am 7. Okto­ber 1689 bestimmt wurde, dass die Kolo­nis­ten die in Frank­reich befolgte Kir­chen­ord­nung und Kir­chen­dis­zi­plin bei­be­hal­ten durf­ten. Die freie Aus­übung der Reli­gion war für die ein­ge­wan­der­ten Huge­not­ten eine der wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen ihrer Nie­der­las­sung. Lie­be­voll nann­ten die Refor­mier­ten in Stras­burg ihre Kir­che „Kleine Kir­che“. Über dem Kir­chen­lo­kal wurde die Woh­nung für den Pre­di­ger aus­ge­baut. Auch die Räum­lich­kei­ten für den fran­zö­si­schen Rich­ter der Kolo­nie Stras­burg wur­den im Rat­haus über der Kir­che her­ge­rich­tet.

Eigent­lich war David Cle­ment den Stras­bur­gern als ers­ter Pre­di­ger zuge­si­chert wor­den. Da die­ser aber nicht aus hes­si­schen Diens­ten ent­las­sen wurde, über­nahm der damals 38- jäh­rige Jean Henri de Bau­dan die­ses Amt und betreute die Gemeinde in der schwe­ren Zeit des Neu­an­fangs 13 Jahre lang bis 1712. Der erste Kan­tor der Gemeinde war Abra­ham de la Barre. Der Kan­tor war gleich­zei­tig Vor­sän­ger, Vor­le­ser und Schul­meis­ter. Ihr alter Titel war „Lec­teurs et Chan­tres et Mai­tres d‘ ecole“. Eine Auf­stel­lung der Pre­di­ger und Kan­to­ren ist bei­ge­fügt. Die Geschi­cke der Gemeinde wur­den durch ein Kirch­kon­sis­to­rium gelenkt, dem neben dem Pfar­rer noch 6 Kir­chen­äl­teste ange­hör­ten.

Das Kon­sis­to­rium wachte durch eine strenge Kir­chen­zucht­ord­nung über die Gemeinde und ver­suchte jedem Auf­fal­len in der Öffent­lich­keit vor­zu­beu­gen. Bei Ver­stö­ßen drohte man mit Ermah­nun­gen vor der gan­zen Gemeinde bis hin zum Aus­schluss vom Abend­mahl und mit dem Kir­chen­bann. Bespiele für diese strenge geist­li­che Kir­chen­zucht waren kon­krete Nor­men für das Ehe- und Fami­li­en­le­ben, die scharfe Ableh­nung des Glücks­spiels, das fak­ti­sche Ver­bot des Besuchs von Thea­ter­auf­füh­run­gen und Tanz­ver­an­stal­tun­gen und die Ermah­nun­gen zu ein­fa­cher Klei­dung ehr­ba­rer Lebens­füh­rung. Gerade das Abend­mahl war für die Huge­not­ten ein hei­li­ges Sakra­ment. 

Da die Auf­zeich­nun­gen in den Kir­chen­bü­chern, 1691 begin­nend, sehr man­gel­haft waren, begann man auf Befehl 1703 damit, ein Buch anzu­le­gen, in das man alle wich­ti­gen Beschlüsse und Ereig­nisse mit gro­ßer Sorg­falt regis­trierte. Somit hatte man einen bes­se­ren Über­blick über alle Vor­gänge, die sich inner­halb der Gemeinde abspiel­ten und brachte Ord­nung in die Unter­la­gen. Vor­her wur­den alle Ein­tra­gun­gen in das Kir­chen­buch meist nur auf Grund von Infor­ma­tio­nen der Ange­hö­ri­gen getä­tigt.

Die fran­zö­sisch-refor­mierte Kir­che in Stras­burg hatte auch die Funk­tion eines Schieds­ge­rich­tes und trat inner­halb der Gemeinde als Sit­ten­po­li­zei auf, sodass Strei­tig­kei­ten gar nicht erst nach außen getra­gen wur­den. In der ers­ten Zeit des Bestehens der Kolo­nie in Stras­burg wur­den aus­schließ­lich Psal­men ohne Instru­men­tal­be­glei­tung und keine Lie­der gesun­gen, da die Orgeln als Herr­got­tes­lei­ern bezeich­net wur­den.
Im Laufe der Zeit kam es dazu, dass die Fran­zo­sen, wenn sie sich von ihrem Kon­sis­to­rium unge­recht behan­delt fühl­ten, in eine andere Kir­che, zum Bei­spiel die deutsch- refor­mierte, über­tra­ten und diese stärk­ten. Von Anfang an betrieb die fran­zö­sisch-refor­mierte Kir­che in Stras­burg eine vor­bild­li­che Armen­für­sorge und rich­tete eine Armen­kasse ein. Sie hatte aber auch den Cha­rak­ter einer Kir­chen­kasse, da auch Kir­chen­kos­ten davon bezahlt wur­den. Für bedürf­tige Gemein­de­mit­glie­der wur­den bei Begräb­nis­sen die Kos­ten aus der Armen­kasse begli­chen. Ebenso bezahlte das Kon­sis­to­rium das Schul­geld für arme Kin­der. Nach jedem Kirch­gang wurde für die Armen­kasse gesam­melt. 

Nach Stras­burg kamen auch deutsch-refor­mierte Flücht­linge. Diese grün­de­ten 1719 eine deutsch-refor­mierte Kir­che. Ihnen wurde laut Beschluss des Ober­kon­sis­to­ri­ums der freie Gebrauch des Got­tes­hau­ses der fran­zö­sisch Refor­mier­ten zuge­stan­den. Dadurch kam es zu zahl­rei­chen Strei­tig­kei­ten zwi­schen bei­den Gemein­den, da sich die Huge­not­ten als allei­nige Besit­zer des Got­tes­hau­ses betrach­te­ten. Die könig­li­che Regie­rung ent­schied am 27. Februar 1823, dass beide Gemein­den am Gebrauch der Kir­che gleich­be­rech­tigt sind. Von da an betei­lig­ten sich beide Gemein­den zu glei­chen Tei­len an den Auf­wen­dun­gen und Repa­ra­tur­kos­ten für die Kir­che.

Ange­se­hene und ver­mö­gende Bür­ger der fran­zö­sisch- refor­mier­ten Gemeinde bau­ten sich in der Kir­che Gale­rien. Durch auf­ge­setzte Ver­träge sicher­ten sich die Erbauer gewisse Rechte für sich und ihre Nach­kom­men. Erbauer von Gale­rien waren 1725 Daniel Fou­quet, Jan Sque­din und Guil­laume de la Barre, 1751 Jaques Roquette, Jacob Foquet, Gul­laume Per­rin und Abra­ham Bouchon, 1752 Abra­ham Ledoux und Jan Rebour. Den Mit­glie­dern der Gemeinde, die im Krieg ihr Leben gelas­sen hat­ten, wur­den im Got­tes­haus mit einer Tafe­lin­schrift gedacht. So haben zum Bei­spiel 1813 Carl Hein­rich de la Barre, 1815 Johann Jacob Tous­saint und 1870 Franz de la Barre ihr Leben gelas­sen. Der Pre­di­ger Dr. Tar­nogro­cki erwarb sich beson­dere Ver­dienste und stellte sein Wir­ken auch der Stadt zur Ver­fü­gung. Er ist der Ver­fas­ser des heute noch recht bekann­ten Lie­des „O Stras­burg O Stras­burg“. Die Kolo­nie wuchs bis um 1800 bestän­dig an und erreichte 1780 ihren Höchst­stand mit 359 Kolo­nie­bür­gern. 

Mit dem Amts­an­tritt von Albert Fer­di­nand Hur­ti­enne im Jahre 1898 wurde die deutsch- refor­mierte Gemeinde vom fran­zö­sisch- refor­mier­ten Pre­di­ger mit­be­treut. Nach der Zer­stö­rung des Rat­hau­ses im Früh­jahr 1945 konnte die Gemeinde den Gemein­de­saal der luthe­ri­schen Kir­che gegen­über der evan­ge­li­schen Kir­che nut­zen, bevor dann 1965 im Wohn­haus des letz­ten Pre­di­gers, Johann Hur­ti­enne, in der Frie­dens­straße 15 ein Got­tes­dienst­raum ein­ge­rich­tet wurde. 1985 hörte die fran­zö­sisch- refor­mierte Kir­che auf zu exis­tie­ren. In der Zeit ihres Bestehens wirk­ten in der fran­zö­sisch- refor­mier­ten Gemeinde Stras­burg 28 Pre­di­ger.

Bestattungen im Rathaus

Im Zuge der Neu­ge­stal­tung des Stras­bur­ger Markt­plat­zes fan­den 1997 dort Aus­gra­bun­gen statt. Bei die­sen Aus­gra­bun­gen stieß man auf Bestat­tun­gen unter der fran­zö­sisch- refor­mier­ten Kir­che. Dabei machte man inter­es­sante Ent­de­ckun­gen. Die Bestat­tun­gen waren in Nord- Süd Rich­tung ori­en­tiert und wichen somit von der übli­chen Ost-West Ori­en­tie­rung des Chris­ten­tums ab. Diese Nord-Süd-Rich­tung war mög­li­cher­weise ein Aus­druck der refor­mier­ten Gesin­nung der Huge­not­ten, da die Bestat­tung in Ost-West Rich­tung ihnen viel­leicht zu katho­lisch war.

Even­tu­ell spielte bei der Bestat­tung auch die opti­male Raum­aus­nut­zung eine Rolle. Obwohl schon frü­her das Bestat­ten in Innen­räu­men prak­ti­ziert wurde, war man von die­sen Bestat­tun­gen im Innern des Rat­hau­ses doch rela­tiv über­rascht, da man doch anneh­men musste, dass man sich im 18. Jahr­hun­dert der Seu­chen­ge­fahr in Innen­räu­men durch­aus bewusst war. Zumal Bestat­tun­gen in einem Rat­haus mehr als unge­wöhn­lich sind, stel­len sie somit ein beson­de­res Kapi­tel in der Stadt­ge­schichte von Stras­burg dar. Die Erwach­se­nen­grä­ber wur­den im hin­te­ren nörd­li­chen Teil und die Kin­der­grä­ber im vor­de­ren süd­li­chen Teil des Rat­hau­ses frei­ge­legt. Sowohl die Namen der Bestat­te­ten als auch der Zeit­punkt der Begräb­nisse konnte rela­tiv genau ermit­telt wer­den. Der Kir­chen­in­nen­raum scheint jedoch nur für kurze Zeit für Bestat­tun­gen genutzt wor­den zu sein.

3. Rechtssprechung und Gerichtsbarkeit der Kolonie

Das Pots­da­mer Edikt hatte den Fran­zo­sen bei Streit­fäl­len unter­ein­an­der eine eigene Gerichts­bar­keit zuge­stan­den. Die Zusage einer beschränk­ten Rechts­spre­chung bestärkte die Kolo­nis­ten in ihrer Hoff­nung, in einem frem­den Land unter frem­den Men­schen mit ganz ande­ren Sit­ten und Gewohn­hei­ten ein neues freies Leben anfan­gen zu kön­nen. Da in jedem deut­schen Klein­staat ein ande­res Recht herrschte, woll­ten die Fran­zo­sen auf ihr altes ver­trau­tes Recht bauen.

Die fran­zö­si­schen Kolo­nien besa­ßen eine Ober­be­hörde, die jeder­zeit ihre Inter­es­sen ver­trat und die Gerichts­bar­keit in jedem Ort gewährte. Die eigene Gerichts­bar­keit war der wirk­samste Rechts­schutz und wurde zunächst nach den Geset­zen ihres Vater­lan­des von einem Rich­ter aus ihren Rei­hen, dem Kolo­nie­rich­ter, gewähr­leis­tet. Die­ser war dem fran­zö­si­schen Ober­ge­richt unter­stellt. Die Refu­gies hat­ten so die Mög­lich­keit, bei Streit­fäl­len unter­ein­an­der durch den fran­zö­si­schen Rich­ter zu einer güt­li­chen Eini­gung zu kom­men. Bei Rechts­fäl­len zwi­schen Fran­zo­sen und Deut­schen musste auf alle Fälle der Magis­trat ent­schei­den. Der erste fran­zö­si­sche Rich­ter in Stras­burg war Del­a­con. Er bezog ein Jah­res­ge­halt von 150 Talern. Seine Dienst­woh­nung, die eigens für ihn aus­ge­baut wurde, befand sich im Rat­haus über dem Kir­chen­lo­kal.

Spä­ter wurde das Kolo­nie­ge­richt nach Prenz­lau ver­legt. Stras­burg und Pase­walk fie­len in die Zustän­dig­keit die­ses Kolo­nie­ge­richts. Del­a­con war auch der erste Rich­ter, der nach Zusam­men­le­gung der Kolo­nie­ge­richte die Funk­tion des Kolo­nie­rich­ters in Prenz­lau aus­übte. Die Kom­pe­tenz des fran­zö­si­schen Kolo­nie­rich­ters war bei wei­tem nicht so umfas­send wie die des Magis­trats. Der Kolo­nie­rich­ter konnte nur kleine Unge­rech­tig­kei­ten und Bedrü­ckun­gen ver­hin­dern.

Da Stras­burg nun kein Gerichts­ort mehr war, gab es hier nur noch einen Asses­sor. Die­ser hatte über die began­ge­nen Ver­ge­hen Pro­to­kolle anzu­fer­ti­gen und an den Rich­ter wei­ter­zu­lei­ten, der dann das Urteil fällte.
Der in Stras­burg tätige Asses­sor saß als fran­zö­si­scher Sena­tor mit im Magis­trat. Mit dem Stras­bur­ger Asses­sor scheint es das beste Ein­ver­neh­men gege­ben zu haben. Die eigene Gerichts­ver­fas­sung führte zu klei­ne­ren Kon­flik­ten mit dem Magis­trat und der Kam­mer und den übri­gen Ein­woh­nern. Karl Manoury macht in sei­nem Buch „Die Geschichte der fran­zö­sisch-refor­mier­ten Pro­vinz­ge­mein­den“ dazu nähere Aus­füh­run­gen. Man konnte mit Recht sagen, dass die Pri­vi­le­gien der Fran­zo­sen der deut­schen Bevöl­ke­rung ein Ärger­nis waren, zumal sie noch durch die eige­nen Behör­den geschützt wur­den.

Die neu auf­zu­neh­men­den Kolo­nie­bür­ger muss­ten vor ihrem zustän­di­gen Kolo­nie­ge­richt den Bür­gereid leis­ten, erst dann waren sie dem Zugriff des Magis­trats der Stadt ent­zo­gen. Erhal­ten ist nur der Bür­gereid der Kolo­nie Prenz­lau, der wort­ge­treu bei­ge­fügt ist.

Dadurch, dass die Stras­bur­ger Kolo­nie im All­ge­mei­nen nur mit dem Kur­fürs­ten zu tun hatte, fehl­ten man­che Rei­bungs­flä­chen mit der Bür­ger­schaft. Des­halb waren aus der Kolo­nie Stras­burg die wenigs­ten Kla­gen zu hören und die Kolo­nie konnte sich ruhig und gedeih­lich ent­wi­ckeln. Rechts­strei­tig­kei­ten tra­ten des­halb nicht so häu­fig auf, da die Kolo­nie eine gewisse geschlos­sene Macht dar­stellte. Ins­ge­samt kann man sagen, dass es unter den Huge­not­ten weni­ger juris­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen als unter ande­ren Bevöl­ke­rungs­grup­pen gab. Bei Strei­tig­kei­ten zwi­schen Fran­zo­sen und Deut­schen musste man immer das fran­zö­si­sche gegen das deut­sche Recht abwä­gen. Der Kolo­nie­rich­ter musste bei Ein­quar­tie­rungs-, Ser­vice- und Poli­zei­sa­chen, wel­che die fran­zö­si­sche Kolo­nie betra­fen, mit her­an­ge­zo­gen wer­den. 1715 erhielt der Kolo­nie­rich­ter den Titel eines Bür­ger­meis­ters im Magis­trat. So wurde die Mit­ar­beit der Kolo­nie im Magis­trat der Stadt fest­ge­legt. 1772, als das Wahl­bür­ger­recht für Aus­län­der ein­ge­führt wurde, konnte auch in Stras­burg jeder neue Kolo­nie­bür­ger seine Zuge­hö­rig­keit zu einer Gerichts­bar­keit inner­halb von 3 Mona­ten sel­ber wäh­len.

Mit dem Inkraft­tre­ten des „All­ge­mei­nen Land­rechts für die preu­ßi­schen Staa­ten“ erfolgte 1794 die Auf­he­bung der fran­zö­si­sche Ver­ord­nung und die völ­lige Unter­ord­nung der Refu­gies und ihrer Nach­kom­men unter preu­ßi­sches Recht. Die voll­stän­dige Besei­ti­gung der fran­zö­si­schen Son­der­rechte und der fran­zö­si­schen Gerichte erfolgte im Zuge der preu­ßi­schen Refor­men 1809. Damit endete der recht­li­che Son­der­sta­tus der Kolo­nie.

4. Die Ankommenden: Bauern, Tabakpflanzer und Handwerker

Im Früh­jahr 1691 tra­fen die Huge­not­ten, 55 Fami­lien mit 244 Per­so­nen, im zer­stör­ten Stras­burg ein.
In Stras­burg lie­ßen sich vor allem Nord­fran­zo­sen, Wal­lo­nen und Pfäl­zer nie­der. Anders als in den von Süd­fran­zo­sen gegrün­de­ten Kolo­nien, in denen das Tex­til- und Leder­ge­werbe domi­nierte, herrsch­ten bei den Stras­bur­ger Refu­gies land­wirt­schaft­li­che Berufe vor. Von 157 Per­so­nen, die in Stras­burg anka­men, sind die Berufe bekannt.

Fol­gende Berufe waren ver­tre­ten:
Acker­bau­ern 73 Tabak­pflan­zer 23
Tabak­händ­ler 5 Tabak­spin­ner 3

Berufe im Tex­til- und Leder­ge­werbe: 19, davon
Weber 11 Hut­ma­cher 1
Woll­krat­zer 1 Strumpf­ma­nu­fak­tu­rist 1
Woll­käm­mer 1 Loh­ger­ber 4

Sons­tige Berufe und Tätig­kei­ten: 34, davon
Schnei­der 5 Bäcker 2
Schuh­ma­cher 2 Bier­brauer 2
Mau­rer 2 Brannt­wein­bren­ner 2
Zieg­ler 1 Kauf­mann 1
Zim­mer­mann 2 Wund­arzt 1
Stell­ma­cher 1 Pfar­rer 2
Tisch­ler 1 Leh­rer und Kan­to­ren 3
Bött­cher 1 Hand­ar­bei­ter 2
Holz­schuh­ma­cher 1 Tage­löh­ner 1
Licht­zie­her 1

In Stras­burg waren also nur 19 Per­so­nen aus den sonst vor­herr­schen­den Berufs­zwei­gen, in denen man sich mit der Her­stel­lung von Tex­ti­lien und Leder­wa­ren befasste, ver­tre­ten.

Landwirtschaft und Tabakanbau

Die über­wie­gende Mehr­heit der Huge­not­ten arbei­tete in der Grün­der­zeit in der Land­wirt­schaft. Auch die­je­ni­gen, die in Stras­burg als Hand­wer­ker tätig waren, betrie­ben meist dane­ben Land­wirt­schaft.
Ver­wil­derte Äcker und Gär­ten wur­den wie­der urbar gemacht, Grund­stü­cke erneut in Nut­zung genom­men und neue Höfe mit Häu­sern und Stal­lun­gen geschaf­fen. Beim Kar­tof­fel­an­bau wird, wenn auch nicht die erste Ein­füh­rung, so doch die enorme Zunahme des Anbaus in jener Zeit eben­falls den Huge­not­ten zuge­schrie­ben. Die Grund­la­gen für die Ernäh­rung der wach­sen­den Bevöl­ke­rung und damit für die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung sowohl der Stadt als auch des Lan­des wur­den somit ste­tig ver­bes­sert.

Die erzeug­ten Men­gen an Getreide und Fleisch z.B. muss­ten ver­ar­bei­tet wer­den. Die Ergeb­nisse der Arbeit in der Land­wirt­schaft brach­ten folg­lich zusätz­li­che Arbeit für Mül­ler, Bäcker, Schlach­ter, Ger­ber, Brannt­wein­bren­ner und andere Hand­werks­be­rufe. So tru­gen die Huge­not­ten, die in der Land­wirt­schaft arbei­te­ten, wesent­lich dazu bei, dass sich in der Fol­ge­zeit in der Acker­bür­ger­stadt Stras­burg zahl­rei­che leis­tungs­fä­hige Hand­werks­be­triebe der Huge­not­ten und ihrer Nach­fah­ren bzw. der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung ent­wi­ckeln konn­ten.

Mit den Huge­not­ten kamen 1691 23 Tabak­pflan­zer sowie 3 Tabak­spin­ner und 5 Tabak­händ­ler nach Stras­burg. Durch sie gelangte der Tabak­an­bau in die Ucker­mark nach Stras­burg. In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten trug der Acker­bau wesent­lich zur wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung Stras­burgs bei. 
Das not­wen­dige sorg­fäl­tige Hacken der Tabak­fel­der und die dadurch bedingte gründ­li­che Unkraut­be­kämp­fung, nach­dem die Äcker jahr­zehn­te­lang brach gele­gen hat­ten, war von gro­ßem Wert. In spä­te­ren Jah­ren beschwer­ten sich in Ver­ken­nung die­ses Umstan­des z. T. die deut­schen Nach­barn dar­über, dass die Fran­zo­sen die bes­se­ren Äcker erhal­ten hät­ten. Anfangs wur­den die Tabak­pflan­zen von den Ein­hei­mi­schen aller­dings gering­schät­zig als Grün­fut­ter ange­se­hen. Doch der Tabak­an­bau und -han­del gedie­hen. Der Tabak­an­bau brachte außer für die Tabak­bau­ern für eine große Anzahl von Hilfs­kräf­ten ein ver­hält­nis­mä­ßig gutes Ein­kom­men.

Handwerk, Handel und Industrie

Wie in ande­ren städ­ti­schen Huge­not­ten­ko­lo­nien lie­ßen sich in Stras­burg neben den Acker­bür­gern auch eine Anzahl Hand­wer­ker nie­der. Am Anfang spiel­ten die Hand­wer­ker aller­dings eine gerin­gere Rolle. Es war immer­hin ein Wag­nis, in solch einer ver­arm­ten und wirt­schaft­lich rui­nier­ten Klein­stadt wie Stras­burg ein Hand­werks- oder Gewer­be­be­trieb zu eröff­nen. Anders sah es dage­gen z.B. im benach­bar­ten Prenz­lau aus. Diese Stadt war schon damals wesent­lich grö­ßer und ihre Lage an einem Fluss, der Uecker, begüns­tigte unter ande­rem den Bau von Müh­len. Dort war der Anteil der huge­not­ti­schen Hand­wer­ker und Gewer­be­trei­ben­den bereits in der Zeit der Grün­dung der Kolo­nie hoch.

Spä­ter hatte auch in Stras­burg gerade das Wir­ken der huge­not­ti­schen Hand­wer­ker einen bele­ben­den Ein­fluss auf die Ent­wick­lung der Stadt. Die Sorge um das eigene Brot führte aller­dings anfangs, wie bereits erwähnt, beson­ders gegen­über den huge­not­ti­schen Hand­wer­kern zu Rei­be­reien und Streit. Auf Grund der anzu­neh­men­den Kon­kur­renz wurde um die eigene Exis­tenz gebangt. Hinzu kamen die Pri­vi­le­gien der Ankömm­linge. Schließ­lich konn­ten z.B. die fran­zö­si­schen Hand­wer­ker ohne Unkos­ten in eine deut­sche Zunft ein­tre­ten oder auch als freier Hand­werks­meis­ter arbei­ten. Mit der Zeit wur­den die Strei­tig­kei­ten weni­ger.

Die Anzahl der fran­zö­si­schen Hand­werks­meis­ter nahm mit der all­ge­mei­nen Auf­wärts­ent­wick­lung der Stadt jahr­zehn­te­lang ste­tig zu. In den ver­schie­dens­ten Hand­wer­ken haben die ein­ge­wan­der­ten Huge­not­ten anre­gend gewirkt und sich blei­bende Ver­dienste erwor­ben. Ihr Fleiß, ihre Fähig­kei­ten und ihre Leis­tun­gen wie­derum tru­gen ent­schei­dend zum wei­te­ren Auf­blü­hen der Stadt bei.

Pfar­rer Chris­t­hard Rie­del hatte es ein­mal so zusam­men­ge­fasst:

„Die Bau­ern, Weber, Kauf­leute, Ger­ber und beson­ders die Schuh­ma­cher brach­ten für Stras­burg den Anschluss an die Wirt­schaft des Lan­des.“

Das Ger­ber­we­sen in Stras­burg und im gan­zen Land Bran­den­burg war wäh­rend der vie­len Kriege im 17. Jahr­hun­dert fast völ­lig in Ver­fall gera­ten. Beson­ders die Schuh­ma­cher außer­halb der grö­ße­ren Städte, in der Pro­vinz, also z.B. auch in Stras­burg, muss­ten sich das benö­tigte gewöhn­li­che Leder selbst berei­ten, wäh­rend die bes­se­ren Sor­ten über Händ­ler beschafft wur­den. Die Ger­ber unter den Huge­not­ten konn­ten daher, von dem hohen Niveau der Ger­be­rei in Frank­reich pro­fi­tie­rend, sich in Stras­burg und den ande­ren bran­den­bur­gi­schen Städ­ten erfolg­reich als Ger­ber nie­der­las­sen.

Gerade in Stras­burg berei­te­ten sie damit den Boden für die rasche Ent­fal­tung des Schuh­mach­er­hand­werks, die Stras­burg für lange Zeit zur weit­hin bekann­ten und berühm­ten Schuh­ma­cher­stadt wer­den ließ.
Aber auch die Ver­tre­ter aller ande­ren Berufe, ob Uhr­ma­cher, Schlos­ser, Schmiede, Schnei­der oder Sei­ler usw. übten einen bele­ben­den und för­dern­den Ein­fluß in ihrem jewei­li­gen Gewerbe aus. Außer für das Hand­werk war das Wir­ken der Huge­not­ten und ihrer Nach­fah­ren auch für die Bele­bung des Han­dels und für die ers­ten Indus­trie­an­sied­lun­gen in Stras­burg sehr bedeut­sam.

Einige Beispiele

Der erste Direk­tor der 1882 fer­tig­ge­stell­ten Zucker­fa­brik war Otto Nae­gele und einer ihrer Grün­der hieß Carl Bettac. Zu den Mit­glie­dern des Auf­sichts­ra­tes gehör­ten A. Taver­nier aus Schnei­ders­hof und G. Lepere aus Schön­burg. Ein Mit­glied der fran­zö­si­schen Kolo­nie in Ber­lin, der Che­mi­ker F. C. Achard, hatte übri­gens die Grund­la­gen der indus­tri­el­len Zucker­pro­duk­tion aus Rüben ent­wi­ckelt. Er hatte 1799 die erste Fabrik errich­tet, in der Zucker aus Run­kel­rü­ben her­ge­stellt wurde. Zuvor war Zucker aus impor­tier­ten Zucker­rohr gewon­nen wor­den.

Für Stras­burg und Umge­bung wurde der Zucker­rü­ben­an­bau das, was für Schwedt und sein Umfeld lange Zeit der Tabak­an­bau war. Ca. 30 000 Zent­ner Zucker­rü­ben pro Tag konn­ten in der Stras­bur­ger Zucker­fa­brik um 1940 ver­ar­bei­tet wer­den. Die Errich­tung der Zucker­fa­brik und zuvor die Inbe­trieb­nahme der Bahn­li­nie nach Pase­walk (1867) sowie der nach Neu­bran­den­burg tru­gen wesent­lich zur wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung Stras­burgs bei. 1900 hatte Stras­burg daher bereits ca. 7000 Ein­woh­ner gegen­über ca. 2900 im Jahre 1817.

Es gab neben der Zucker­fa­brik als größ­tem Betrieb der Stadt 

  • eine Mol­ke­rei,
  • Maschi­nen­bau­be­triebe,
  • Ofen­fa­bri­ken,
  • Leder- und Stie­fel­fa­bri­ken,
  • eine Braue­rei und
  • ein Elek­tri­zi­täts­werk.

Die Mol­ke­rei war ein Jahr nach der Zucker­fa­brik, d. h. 1883, in Betrieb genom­men wor­den. Als Mit­glie­der der Mol­ke­rei­ge­nos­sen­schaft wur­den um 1930 eine Reihe fran­zö­si­scher Namen auf­ge­führt:

E. Tro­les Mari­en­felde
G. Lepere Schön­burg
E. Ledoux Glö­den­dorf
O. Gui­ard Stras­burg, Aus­bau
E. Taver­nier Fer­di­nands­höh
W. Bettac Zie­gel­hau­sen
L. Duvinage Stras­burg
E. Bettac Stras­burg.

Wo immer man auch die Spu­ren der Huge­not­ten und ihrer Söhne und Töch­ter fin­det und ver­folgt, sie ver­wei­sen auf Fleiß und tat­kräf­ti­ges und erfolg­rei­ches Wir­ken von Gene­ra­tio­nen in ihrem Zufluchts­land zum Nut­zen für sich und ihre Fami­lien und für ihre neue Hei­mat.

Zusammenfassung

Mit ihrer Tat­kraft, ihrem Fleiß, ihrem Wis­sen und Kön­nen und ihren Leis­tun­gen haben die Huge­not­ten einen viel­sei­ti­gen Ein­fluss im Wirt­schafts­le­ben und im geis­tig- kul­tu­rel­len Leben Stras­burgs aus­ge­übt und ent­schei­dend dazu bei­ge­tra­gen, dass in Stras­burg nach Jahr­zehn­ten des Nie­der­gangs eine rasche Auf­wärts­ent­wick­lung ein­setzte. Das war gewis­ser­ma­ßen ihr Dank, ihre Gegen­leis­tung für Auf­nahme und Unter­stüt­zung in ihrer neuen Hei­mat. Heute erin­nern in Stras­burg nur noch wenige fran­zö­si­sche Fami­li­en­na­men — sie­ben an der Zahl — an sie. Aber ihr Erbe, d.h. ihr Ein­fluss auf die Ent­wick­lung Stras­burgs und die voll­brach­ten Leis­tun­gen präg­ten die mate­ri­elle und geis­tig- kul­tu­relle Ent­wick­lung der Stadt in einem Maße, dass die­ser Ein­fluss z. T. heute noch zu erken­nen ist, zum grö­ße­ren Teil sich aber nur noch erah­nen lässt.

Für das ganze Land Bran­den­burg, zu dem ja Stras­burg damals gehörte, lässt sich fest­stel­len:

Durch das Edikt von Pots­dam wurde ein beträcht­li­cher Bevöl­ke­rungs­zu­wachs erreicht, in des­sen Ergeb­nis die wirt­schaft­li­che und kul­tu­relle Ent­wick­lung Bran­den­burgs wich­tige Impulse erhielt. Der dem Edikt zugrunde lie­gende Tole­ranz­ge­danke trug ander­seits ent­schei­dend dazu bei, den reli­giös begrün­de­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen und ihren oft zer­stö­re­ri­schen Fol­gen in Europa ent­ge­gen­zu­wir­ken.
Das Edikt half so mit, den Gedan­ken eines fried­li­chen Mit­ein­an­ders ver­schie­de­ner Kon­fes­sio­nen und Volks­grup­pen — trotz man­cher Schwie­rig­kei­ten — zu för­dern. Sein Anlie­gen ist daher heute so aktu­ell wie vor 300 Jah­ren.